Eckpunkte für eine
Konzeption des Stadtarchivs Wiesbaden
Stadtarchiv Wiesbaden … das Gedächtnis der Stadt
Vergangenheit erforschen – Gegenwart verstehen – Zukunft gestalten

Vorurteile von verstaubten Akten und weltfremden Bearbeitern prägen die für Außenstehende schwer zu durchschauende Welt der Archive. Verkannt wird vor allem  ihre Bedeutung als wichtige Informationsspeicher und Kompetenzzentren für Fragen an die Vergangenheit. Die Erforschung der Vergangenheit kann uns darüber aufklären, woher wir kommen und wie und warum die Gegenwart zu dem geworden ist, was sie jetzt ist. Aufklärung über die historischen Voraussetzungen der Gegenwart schafft wiederum die Ausgangslage für neues gesellschaftliches und politisches Handeln.

 

Beschäftigung mit der Geschichte trägt zur Identitätsfindung des einzelnen bei. Das Stadtarchiv leistet einen aktiven Beitrag zur gesellschaftlichen Identitätsstiftung, hier insbesondere für die Bürger Wiesbadens: Ein höchst aktueller Auftrag mit besonderer Bedeutung vor dem Hintergrund einer Stadt wie Wiesbaden, deren Bürgerschaft sich schon aufgrund ihrer besonderen Geschichte selten auf ältere lokale Traditionen beziehen kann und einen hohen Anteil an Zuwanderern aufweist. Es ist also dringend erforderlich, dass das Stadtarchiv einen festen Platz im öffentlichen Bewusstsein der Stadt einnimmt.

 

Was ist das Stadtarchiv? 

Das Stadtarchiv ist die älteste Institution der Stadtverwaltung. Eine Truhe, in der wichtige Urkunden aufbewahrt wurden, hat es von Anbeginn gegeben; erstmals erwähnt wird das Archiv im Jahre 1636, als es sich im Uhrturm befand. Das älteste Dokument, eine Urkunde mit der Ersterwähnung Sonnenbergs, stammt von 1393. Der historischen Bedeutung des Archivs wurde man sich erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend bewusst; die Ordnung des Schriftgutes und seine Unterbringung im Rathaus durch Christian Spielmann im Jahre 1892 kann als das Gründungsdatum des modernen Stadtarchivs gelten.

Das Stadtarchiv ist d a s zentrale Informations- und Forschungszentrum für die Geschichte unserer Stadt. Es verbindet das Gestern mit dem Heute und dem Morgen; es schlägt Brücken zwischen Verwaltung und Öffentlichkeit. Es bewahrt einmalige Dokumente städtischer und privater Herkunft aus sieben Jahrhunderten Stadtgeschichte auf. In seinen Magazinen lagern z.B. Pergamenturkunden, Amtsbücher und Akten, Karten, Pläne, Plakate, Fotos, Filme und digitale Dokumente. Es ist eine Einrichtung für Bürgerschaft und Verwaltung.

Das Stadtarchiv Wiesbaden sichert Dokumente, die aus rechtlichen und/oder historischen Gründen dauernd aufzubewahren sind, sowie Unterlagen, die künftigen Generationen möglichst vielfältige Einblicke in die Vergangenheit und unsere Gegenwart eröffnen. Es sorgt durch konservatorische Maßnahmen für die Erhaltung des dokumentierten kulturellen Erbes der Stadt Wiesbaden – auch, soweit es bereits in digitalisierter Form vorliegt.

 

Welches sind die Grundlagen seiner Arbeit? 

Das Hessische Archivgesetz von 1989 verpflichtete die Kommunen, ihr Archivgut zu sichern. Dieser Forderung ist die Stadt Wiesbaden 1991 nachgekommen. Die obligatorische Archivsatzung legt fest, dass die Landeshauptstadt Wiesbaden ein öffentliches Archiv unterhält, und verpflichtet sämtliche Dezernate, Ämter und Eigenbetriebe der Stadt, ihr Schriftgut dem Stadtarchiv zur Übernahme anzubieten. Laut Archivgesetz hat das Stadtarchiv die Aufgabe,

 

  • das Archivgut zu übernehmen,

  • es auf Dauer aufzubewahren,

  • es zu sichern,

  • es zu erschließen und nutzbar zu machen

  • an der Erforschung und Vermittlung der verwahrten Quellen mitzuwirken. 

 

 

 Was findet man im Stadtarchiv? 

Das Stadtarchiv verfügt derzeit über etwa 2500 Regalmeter reines Schriftgut. Diese Unterlagen bieten einen Querschnitt der Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte sowie der politischen Geschichte Wiesbadens vom 14. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Sie ermöglichen dem Forscher statistisches und vergleichendes Arbeiten sowie Grundlagenforschung.

Darüber hinaus besitzt das Stadtarchiv eine umfangreiche Foto-, Glasplatten-, Dia- und Negativsammlung. Sie wird nach und nach digitalisiert, mittels EDV verzeichnet und damit technisch aufbereitet (ca. 250.000 Stück). Fotos werden vom Archiv für eigene Publikationen und Ausstellungen genutzt. Sie werden auch der Verwaltung und (gegen Gebühr) den Archivnutzern zur Verfügung gestellt. Außerdem besitzt das Stadtarchiv eine große Anzahl visueller Medien wie Plakate, Grafiken und Stiche vor allem des 19. Jahrhunderts, Karten, Pläne und Risse sowie neuerdings eine große Zahl von Filmen. Es verfügt über eine Dienstbibliothek zur Geschichte und Geographie Wiesbadens, die systematisch erweitert wird, desgleichen über vielfältige, nicht über den Buchhandel zu erwerbende, sog. „graue“ Literatur zur Stadtgeschichte.

Ein wichtiges Arbeitsinstrument ist die umfangreiche, ständig ergänzte Sammlung von Zeitungsausschnitten zu Personen und Themen der Stadtgeschichte sowie aktueller städtischer Entwicklungen. Dazu pflegt das Archiv eine zeitgeschichtliche Sammlung für Einzelstücke: Speise- und Eintrittskarten, Flugblätter, Theaterprogramme usw.

 

Für wen ist es da? 

Die Bestände des Stadtarchivs stehen allen Bürgerinnen und Bürgern offen. Die Betreuung von Archivnutzern und -besuchern ist ein besonderes Anliegen: Architekten und Stadtplaner, Historiker und Familienforscher, Wissenschaftler und Journalisten, Schüler und Studenten, Heimatforscher und Hobbyhistoriker finden im Stadtarchiv wichtige Informationen. Ihre Fragen beantworten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerne im persönlichen Gespräch, aber auch telefonisch und schriftlich. Für die Auswertung der Unterlagen steht der Lesesaal zur Verfügung.

 

Die städtische Verwaltung hat auf ihre dem Archiv überlassenen Akten Zugriff.

 

Womit weckt das Stadtarchiv Interesse? 

Das Stadtarchiv erinnert an wichtige Aspekte und Ereignisse der Geschichte Wiesbadens und seiner Stadtteile und vertieft sie. Zu diesem Zweck gibt es eine wissenschaftliche Publikationsreihe heraus - bislang sind 10 Bände erschienen. Außerdem veranstaltet das Archiv Lesungen aus historischen Quellen und Vortragsreihen. Kooperationspartner sind das Hauptstaatsarchiv, die Landesdenkmalpflege und die Volkshochschule. Außerdem arbeitet das Stadtarchiv mit den örtlichen Geschichtsvereinen und dem Stadtmuseum zusammen. Besondere Unterstützung erhält es seit Dezember 2005 durch den Förderverein Stadtarchiv. Ausstellungen zu historischen Themen – in der Regel zweimal im Jahr – dienen dazu, die Bestände auch visuell zu präsentieren und archivferne Besucher für das Archiv zu gewinnen.

 

Welche Dienstleistung erbringt es gegenüber der Stadtverwaltung? 

Archive sind Dienstleister gegenüber der Verwaltung und erfüllen insoweit eine Querschnittsaufgabe. Das Stadtarchiv bewertet das von der Stadtverwaltung angebotene Schriftgut im Hinblick auf seine Archivwürdigkeit. Es entlastet damit die Verwaltung von ihren Altakten. Außerdem gibt es Auskünfte, etwa aus Magistratsprotokollen oder den Protokollen der Stadtverordnetenversammlung, es liefert dem Pressereferat Material für die Vorbereitung von Ansprachen und Reden, es stellt dem Denkmalschutz Fotos bereit  etc. 

 

Welche Perspektiven entwickelt das Stadtarchiv? 
  1. Kernbereich der Arbeit ist seit jeher die Dienstleistung gegenüber Öffentlichkeit und Verwaltung. Dazu gehören unabdingbar die Betreuung und selbständige Durchführung wissenschaftlicher Forschungsvorhaben zur Stadtgeschichte.

  2. Mit der Übernahme der Bestände der Unternehmen Kalle und Albert sowie Dyckerhoff ist als neuer Schwerpunkt die Industrie- und Wirtschaftsgeschichte hinzugekommen. Der Wert dieser Unterlagen ist beträchtlich. Die Lagerung und die Erschließung der Wirtschaftsarchive verlangen eine professionelle Betreuung. Zusätzlich eröffnet sich ein Forschungsfeld, das bisher in Wiesbaden noch nicht in den Fokus geraten ist. Das Stadtarchiv sieht seinen Auftrag auf diesem Gebiet zum einen darin, Anregungen und Hilfestellungen für Forscher zu bieten, zum anderen aber auch darin, eigene Forschungsprojekte durchzuführen – Fortsetzung der Tradition früherer Stadtarchivare, die in erheblichem Maße die Wiesbadener Geschichte erforscht haben.

  3. Unter dem Aspekt der Kompetenzvermittlung wird der Zusammenarbeit mit den Schulen in Zukunft verstärkte Bedeutung zukommen. Das Stadtarchiv möchte u. a. Lehrerfortbildungen zu verschiedenen historischen Fragestellungen anbieten und sein Angebot für Kinder z.B. durch Lese- und Schreibkurse in alten Schriften erweitern. Schülerinnen und Schüler werden wie bisher die Gelegenheit haben, das Archiv forschend kennen zu lernen, sei es im Rahmen von Einzelarbeiten, sei es im Klassen- oder Kursverband. Damit unterstützt das Archiv die Schulen bei der Vermittlung von historischer und politischer Sach- und Methodenkompetenz in einem Bereich, der nur durch das Archiv geleistet werden kann

 

Auf diese drei Säulen gestützt wollen wir als Förderverein das Stadtarchiv noch stärker als das positionieren, was es heute schon ist: nicht allein Verwahrort städtischer Akten, sondern vor allem als Institut für Stadtgeschichte.

 

Verein zur Förderung des Stadtarchivs Wiesbaden e.V. - Im Rad 42 - 65197 Wiesbaden 

Tel.: +49 (0) 611 313219 - Mail: Brigitte.Streich@wiesbaden.de