Zeitzeugin

Christa Moering 

Malerin, Galeristin und einzige Ehrenbürgerin

„Wenn ich male, lebe ich in dem Gegenstand, den ich male. Malerei bedeutet absolute Konzentration.“ Kunst war für Christa Moering, die während der Arbeit total versunken wirkte und sich bis ins hohe Alter ihr mädchenhaftes Strahlen erhielt, Lebenselixier. Als Tochter des Superintendenten im Schatten der Uta am Dom zu Naumburg aufgewachsen, war sie von Schönheit der Kunst und dem „geistigen Ausdruck der Dinge selbst“ geprägt.

 

„Wenn ich nicht male, dann

bin ich krank.“

 

Einblick in ihr malerisches „Nähkästchen“ gewährte Christa Moering, die meistens morgens zum Malen aufgelegt war, gerne. „Wenn ich nicht male, dann bin ich krank.“ Sie arbeite nach der „Hoelzel-Methode“, die wie ihr „wie ein Farbgespräch“ sei, „jedes Detail  wird bewusst komponiert.“ Auch auf Sprachbilder verstand sich die Künstlerin und verwendete das Mittel der Komposition „leichtsinnig, also mit leichtem Sinn“. Adolf Hoelzel galt ihr als „Pionier der Abstraktion“, dem sie zeitlebens verpflichtet blieb.

Die „ausgeklügelte Hoelzel-Methode, die von der Goetheschen Farbenlehre ausgeht“ hatte die aufstrebende Künstlerin, durch ihren Onkel Friedrich Ackermann an die  Stettiner Kunstgewerbeschule der 1930er-Jahre gekommen, bei Vincent Weber kennen gelernt. Den lotste sie später als Leiter der Werkkunstschule nach Wiesbaden, machte  den amtierenden Oberbürgermeister Krücke auf ihren früheren Lehrer aufmerksam. Vincent Weber blieb ihr immer „ein Seismograph für Qualität“.

Zum Wahlwiesbadener Otto Ritschl pflegte Christa Moering freundschaftlichen Kontakt, fast wie zu einem Bruder: „Er brachte mir Mark Rothko bei.“ Beider künstlerische Auffassung war grundsätzlich verschieden, doch war es dieser Freund, dem die Malerin „freudestrahlend“ von unverhofftem Geldsegen erzählte und den Rat bekam: „Kleb die Fenster zu und male drei Monate.“

Christa Moering war seit 1996 die erste und bislang einzige Ehrenbürgerin der Landeshauptstadt. Offenherzig werden Überraschung und Freude über diese Würdigung bekannt:„Ich hatte mehr Angst als Vaterlandsliebe“ im Vorfeld der Feier.  Ursprünglich ging „Frau Ehrenbürgerin“ auch nur von einem Jahr Dauer dieser Würdigung aus, ähnlich wie bei einer Stadtschreiberin. Oberbürgermeister Achim Exner konnte die Malerin dann doch von der Ehrung auf Lebenszeit überzeugen.

 

Christa Moering war seit 1996 die erste und bislang einzige Ehrenbürgerin der Landeshauptstadt.

 

1978 war Christa Moering als eine von wenigen Künstlerinnen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Im November 2008 wurde der zentrale Quartiersplatz im Herzen des Künstlerinnen-Viertels als „Christa Moering-Platz“ von Oberbürgermeister  Dr. Helmut Müller in Anwesenheit der Namensgeberin eingeweiht. 2009 wurde Christa Moering zur Namensgeberin für ein mit 5000 Euro dotiertes Stipendium der Stadt Wiesbaden, das jährlich einer Künstlerin zugesprochen wird.

 

"Ihre Werke sind bei uns Klassiker – voll Dynamik und Farbigkeit.“ Oberbürgermeister Dr. Helmut Müller

 

Ihre „fröhliche, ungetrübte Jugend“ im Beesenstedter Pfarrhaus hatte die erkennbar Begabte schon als Kind auf 94 linierten Seiten in Schreibheften aufgeschrieben. Wie die 2002 bei einem Umzug wieder entdeckten „Erinnerungen aus Beesenstedt mit Bildern und Photographien von Christa Moering für Vater und Mutti zu Weihnachten 1929“ belegen, war schon die Dreizehnjährige eine eigenwillige Persönlichkeit. 80 Jahre später notiert die Autorin über das Zeitzeugnis einer längst vergangenen Idylle:„Die Ereignisse sind tief in mir wie ein Bilderbuch zum Aufschlagen.“

Sensible Beobachtungen, gepaart mit trockenem Humor, sind anschaulich geschildert, deuten literarisches Talent an, das sich allerdings nur in den Tagebüchern spiegelt „Man muß eine klare Entscheidung fällen“, resümierte die Malerin und langjährige erste Galeristin in Wiesbaden. 

In Beesenstedt bei Halle an der Saale im weltoffen toleranten Elternhaus mit sechs Geschwistern aufgewachsen, „stand“ der Vater hinter der 20-Jährigen, die als eine von wenigen Frauen „den Drang zur freien Malerei“  ausleben konnte. Statt das Abitur abzulegen, wurde ein Studium an der Kunstgewerbeschule Stettin absolviert. Es folgten die Kunstakademien Leipzig und Berlin.

Die Studienzeit im geheim blühenden Geist des Weimarer Bauhauses während der NS-Zeit unter Hitler? „Das war wie ein Ritt über den Bodensee“. Lehrer und Studierende waren „eine verschworene Gemeinschaft“. Es brauchte Mut in Nazideutschland, um „entartete Kunst“ zu schätzen und sie gar zu unterrichten.

 

1978 war Christa Moering als eine von wenigen Künstlerinnen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

 

Beklemmende Erfahrungen voller Angst blieben der Malerin unvergessen. Wie in ihrem Tagebuch über ihren „Weg zu den Bildern“ festgehalten und in plastischen Formulierungen persönlich erzählt , war die Reichspogromnacht für die 22-Jährige Studentin in Leipzig ein „bis ins Innerste gehendes Schockerlebnis“. Sie erlebte, wie eine aufgebrachte Menschenmenge „Judenfahrer“ schrie und versuchte, ein Auto in den Fluss zu stürzen. Am trüben Novembertag darauf: „Die wüsten Gesichter, die in ihrer Grausamkeit und Hintergründigkeit aus einem Hexensabbat von Goya hätten stammen können, waren wie vom Erdboden verschluckt.“ Doch die Leipziger ließen sich nicht den Mund verbieten, erinnert sich Christa Moering: „Na, das nächste Mal tragen alle Juden ihren eigenen Kopf unterm Arm und sagen, sie hätten ihn sich selbst abgeschnitten.“

 

Die Reichspogromnacht war für die 22jährige Studentin in Leipzig ein „bis ins Innerste gehendes Schockerlebnis“

 

Mit Studienkameradin Karen, der „begabtesten Malerin und einzigen Jüdin der Akademie“, ging sie „total erschrocken“ zur brennenden Synagoge. „Ein Schock“ war der Blick aus dem Fenster der Akademie gewesen auf das brennende Gotteshaus. Das Schicksal ihrer rothaarigen Freundin „mit den wunderschönen großen Bleistiftzeichnungen“ habe sie leider aus den Augen verloren.  

In Kriegszeiten wurden der Malerin ihre Aquarelle in der Tradition von Nolde und Schmitt-Rottluff zu Tauschwaren für Lebensmittel. Wichtige Persönlichkeit war für Christa Moering auch ihr Schriftlehrer Rudo Spemann: „Er war im Dritten Reich sehr mutig“. In der Berliner Schau „Entartete Kunst“ sah sie Werke ihr nahestehender Kunstrichtungen wie Expressionismus, Impressionismus, Kubismus.Von 1942 bis 1945 studierte Christa Moering an der Städelschule Frankfurt, kam durch den Maler Alo Altripp (Friedrich Schlüssel), der Jawlensky persönlich kannte, in die Region. Bei Jawlensky habe sie „den Schlüssel für eine eigene Bildsprache“ gefunden, erinnert sich Christa Moering. Ein Jagdhaus im Taunus wurde zum Treffpunkt einer familienähnlichen Gemeinschaft von Kunstschaffenden der Sparten Musik und Malerei. 1950 wurde Wiesbaden zum Wohnort. Nach kurzer Ehe mit Alo Altripp kämpft sie sich als alleinerziehende Mutter durch. Tochter Christiane „wurde von mir zum Bahnhof gebracht und sie fuhr im Trupp mit den Kindern vom Museumsdirektor zur Waldorfschule nach Frankfurt“, erinnerte sich die Malerin noch plastisch an Dr. Clemens Weiler, den Chef des heutigen Landesmuseums. Auch Hanna Bekker vom Rath half ihr beim Start in Wiesbaden: „Hanne hatte eine meiner ersten Ausstellungen im Kunstkabinett durchgeführt.“ Mit der Sammlerin aus Hofheim „und ihrem Blauen Haus mit seinen herrlichen Kunstschätzen“ war die Familie schon lange vertraut. Im Elternhaus kursierte die Geschichte von Hanna Bekkers Perlenkette. „Sie soll das Schmuckstück gegen einen Punkt-Punkt-Komma-Strich eingetauscht haben“, schmunzelt Christa Moering. Die Rede war immerhin von einem echten Jawlensky.

 

Bei Jawlensky habe sie „den Schlüssel für eine eigene Bildsprache“ gefunden

 

Sozialen Aspekten fühlte sich die Pfarrerstochter immer verpflichtet und von Gemeinschaften war sie überzeugt. Folgerichtig gründete Christa Moering 1950 die „Gruppe 50“, die ausdrücklich an keine Richtung gebunden ist. Ausstellungen von einzelnen Mitgliedern und der ganzen Gruppe wurden in vielen Ländern von Europa bis Israel, China und Ägypten realisiert. Die Erinnerung an Russland bringt Christa Moering zum Strahlen: „Unsere Ausstellung im Achmatova-Museum St. Petersburg war ein richtiges Abenteuer!“ Zum Jubiläum „50 x 60 Jahre“ zeigte die Gruppe 50 eine große Schau in beiden Foyerflügeln des Wiesbadener Rathauses und stellte parallel zum 80. Geburtstag der Städtepartnerschaft Wiesbaden-Klagenfurt in Kärnten aus. Auch nach ihrem Umzug in das Seniorenheim der Nassauischen Blindenfürsorge tagte die „Gruppe 50“ jeden Monat einmal bei Christa Moering. „Das Malen ist mein höchstes Gut“ – und das ließ sich die Künstlerin zeitlebens nicht nehmen. 

Über 50 Jahre schrieb die Malerin Tagebuch und arbeitete nach Kräften bis zuletzt in ihrem Altersdomizil an der Riederbergstraße. Erkennbar professionell mischte sich Christa Moering auch hier ihre Farben, erschuf mit ein paar Pinselstrichen eine Welt und strahlte:„Ich male meine Bilder ohne Kontrolle einfach drauflos“. Und für einen fachlichen Plausch war sie immer zu haben: „Malerei ist mein Leben.“ Und doch schwang vor dem Hintergrund ihres zweiten Talents Literatur, das sie wenig entfalten konnte, auch Wehmut mit.    

1958 hatte Wiesbaden in einem früheren Pferdestall nahe des St. Josefs-Hospitals die erste Galerie bekommen. An den Wänden in der Martinstraße 6 zeigten noch nicht arrivierte Kreative ihre Werke. So setzte Christa Moering ihr Herzensanliegen um, junge und unbekannte Kunstschaffende zu fördern. Christa Moering bekannte sich zu ihrem „Sechsten Sinn für Begabungen“ und fühlte sich dem verpflichtet, engagierte sich mit Leidenschaft und war mit ihrer Malschule von prägender Bedeutung für ganze Generationen. Das legendäre „Atelier Moering“ zog später in die frühere Kutscherwohnung im oberen Geschoss. Regenwasser tropfte durch die Dachluke und mit dem ihr eigenen Humor nannte die Malerin das Phänomen „eine Dusche für meine Tochter“. 

Vom Bonner Presseamt gebeten, unterstützte die Künstlerin ihren Malerfreund Miron Sima („Im Angesicht eines traurigen Symbols“) bei seinem „Buch über den Eichmann-Prozess“. Das Redigieren der Opferaussagen „hat mich unendlich bereichert“. Aus Einladungen in jüdische Familien entwickelte sich manche enge Freundschaft. In ihrer Galerie habe sie  „möglichst oft“ jüdische Kunstschaffende ausgestellt:„Ich habe das auch als Pflicht, als kleine Wiedergutmachung angesehen.“ 

Etwa 1967 schuf Christa Moering eine fröhliche Folge großer Fische mit wassersprühendem Neptun als Illustration der Kochbrunnen-Kolonnaden. Bedauerlich und aus heutiger Perspektive nicht nachvollziehbar, daß dieses heitere Kunstwerk irgendwann übermalt wurde. Auch die Freie Kunstschule geht auf Initiative von Christa Moering zurück, die sie 1972 mit dem Galeristen Paul Zuta gründete. Wolfgang Becker kam als Dritter hinzu.  

Reisen war ihr immer schon notwendiger  Ausbruch. „Die Reisen haben mir Energie gespendet.“ Bali und Israel, Island und  Indien, Marokko und (1988) die DDR „auf den Spuren Gerhart Hauptmanns“  markieren Spuren im „farbenreichen“ Werk der großen alten Dame der Malerei. Stipendien hatten sie nach Perugia und Tunesien geführt. Eine für sie typische Reaktion war der Trip nach Italien: Das 1000 D-Mark-Geschenk einer Amerikanerin setzte Christa Moering stante pede in eine Fahrkarte nach Rom um. Dort packte sie ihre Pinsel aus und blieb, solange die Lire reichten. Die Insel Ibiza wurde ihr zur „zweiten Heimat“.

Zum 95. Geburtstag richtete ihre Wahlheimatstadt einen festlichen Empfang im Rathaus aus. Parlaments-Chef Wolfgang Nickel erklärte Christa Moering zur „Botschafterin mit kultureller Wirkung für die Stadt“. Und Oberbürgermeister Dr. Helmut Müller gratulierte: „Als Sie Wiesbaden zum Wohnort nahmen, war es eine glückliche Stunde für die Stadt. Ihre Werke sind bei uns Klassiker – voll Dynamik und Farbigkeit.“ Die Ehrenbürger Rudi Schmitt, Dr. Jörg Jordan und Professor Dr. Joachim Jentsch, Kulturdezernentin Rose-Lore Scholz und Amtsvorgänger Peter J. Riedle gaben neben Weggefährtinnen der „Gruppe 50“ und vielen, teils weit angereisten Kunstschaffenden der Jubilarin die Ehre.

 

Christa Moering hatte 1946 ihrem Tagebuch anvertraut:

 

„Ich möchte malen, schreiben, dichten, singen, bildhauern, Filme regissieren, selber schauspielern, Kinder haben und soziale Organisationen entwerfen.“

 

Text Gesine Werner

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